BACKSTAGE JOBS: Immer in der ersten Reihe – Konzertfotograf

Direkt vor der Bühne stehen und alle Bands aus nächster Nähe sehen, klingt nach einem Traumjob. BACKSTAGEPASS hat den Berliner Konzertfotografen Markus Werner getroffen und nachgefragt wie es wirklich ist. Markus macht nicht nur die meisten, sondern auch die schönsten Konzertfotos auf BACKSTAGEPASS. Mehr Fotos von ihm seht ihr auf konzertfotos.berlin.

Markus Werner, Konzertfotograf, Backstagepass

Markus Werner, Fotograf

BACKSTAGEPASS: Wie viele Konzerte siehst du pro Woche?

Markus: Im Schnitt 2-4. Im Sommer gehe ich auch zu Festivals, aber in Berlin gibt es ja nur zwei oder drei. Ich fahre aber nicht zu Festivals raus, weil ich nicht gerne im Zelt übernachte.

BACKSTAGEPASS: Gehst du zu Konzerten, um zu fotografieren oder fotografierst du, um zu Konzerten zu gehen?

Markus: Dass ist eine spannende Frage, darüber habe ich mir selbst oft Gedanken gemacht. Meine Liebe zur Musik ist ungebrochen. Durch die Fotografie habe ich mehr Möglichkeiten, auf Konzerte von Künstlern zu gehen, die ich nicht kenne. Zum Beispiel wäre ich sehr wahrscheinlich aus eigener Veranlassung nicht unbedingt zu Marteria gegangen, war dann aber wahnsinnig begeistert. Genauso Thees Uhlmann und Olli Schulz im Quasimodo, das waren zweieinhalb grandiose Stunden, das war fantastisch!

Ich habe jetzt die Möglichkeit, viel mehr zu erleben und auch viel mehr Dingen eine Chance zu geben, die ich sonst so nicht erlebt hätte. Ich habe ja auch die Freiheit, zu gehen, wenn meine Fotos im Kasten sind.

Olli und Thees im Quasimodo
Green Marsimoto

BACKSTAGEPASS: Normalerweise machen die Fotografen die drei erlaubten Songs und dann sind sie weg. Bleibst du oft länger oder ist das die Ausnahme?

Markus: Ich bleibe häufig länger, aber nicht unbedingt bis ganz zum Schluss, Manche Künstler fangen erst um 22.00 Uhr an, dann bleibe ich nicht bis Mitternacht, das ist mir zu lang. Aber wenn das Publikum toll ist und es mir Spaß macht, dann bleibe ich noch.

BACKSTAGEPASS: Was findest du schöner? Kleine Clubs, wo du direkt vor der Bühne stehst oder die großen Hallen, wo du weißt, dass hinter dir noch 10.000 Leute stehen?

Markus: Als Fotograf finde ich die großen Hallen besser, weil ich da meinen geschützten Arbeitsbereich habe, in dem ich mich frei bewegen kann und wo in der Regel auch die Lichtverhältnisse besser sind. Als Musikkonsument finde ich die kleinen Läden interessanter, weil ich direkt vor der Bühne stehe, wie jetzt bei RAZZ z.B. im Musik & Frieden. Wenn sie irgendwann in der Columbiahalle spielen, ist eine Barriere von zwei Metern dazwischen. Dann funktioniert das anders, dann läuft die Show auch anders. Ich liebe die Konzerte, die im kleinen Rahmen stattfinden. Da muss ich wieder Olli Schulz und Thees Uhlmann im Qusimodo anführen. Wenn Olli im Admiralspalast spielt, hat man eine große Barriere dazwischen, die man nicht aufbrechen kann. Trotzdem hätte ich da gerne fotografiert, aber es gab eine Kollision von Terminen.

BACKSTAGEPASS: Ist es oft so, dass du dich zwischen zwei Konzerten entscheiden musst?

Markus: Natürlich. Im November ist es ganz schlimm, da sind es an manchen Tagen sogar vier Veranstaltungen.

Marsimoto macht eine irre Show. Das Publikum begibt sich in völliger Ekstase schon kostümiert zum Konzert. Beim letzten Mal war eine Schlange vom U-Bahnhof bis zum Einlass. 

BACKSTAGEPASS: Gehst du dann an einem Abend auch zu zwei verschiedenen Venues?

Markus: Habe ich schon gemacht, ist aber mit der Musikrichtung, die ich mache, schwer vereinbar. Bei den meisten ist 19.00 Uhr Einlass, 20.00 Uhr Vorband, 21.00 Uhr Main Act, da ist man eigentlich schon festgelegt.

BACKSTAGEPASS: Beschreibe mal die Richtung, die du fotografierst oder wo für dich die Grenzen sind.

Markus: Ich bin da nicht so wahnsinnig festgelegt. Theoretisch würde ich sogar Volksmusik fotografieren, aber das würde mich dann aus anderen Gründen interessieren. Musikalisch interessiert mich der Indie-/Alternative/Pop/Rock Bereich. Ich schaue eher nach Motiven, teilweise kann ich wirklich spannende Menschen fotografieren. Wenn ich das Gefühl habe, Künstler können sich auf der Bühne interessant darstellen, macht es richtig Spaß.

Marsimoto macht eine irre Show. Alles ist ganz in grün gehalten und das Publikum begibt sich in völliger Ekstase schon kostümiert zum Konzert. Beim letzten Mal war eine Schlange vom U-Bahnhof bis zum Einlass. Das ist ganz anders als auf einem Durchschnittskonzert und von dieser Euphorie kann man sich auch anstecken lassen.

BACKSTAGEPASS: Machst du auch Fotos von Leuten aus dem Publikum?

Markus: Das ist ein bisschen heikel. Ich kann theoretisch einen Einzelnen rausnehmen, das Bild aber nicht veröffentlichen. Der muss aus bildrechtlichen Gründen erst mal gefragt werden, ansonsten könnte es zu Problemen führen. Es ist okay, wenn ich die ganze erste Reihe und ein paar Reihen dahinter nehme, aber nicht jeder ist begeistert, wenn er fotografiert wird. Viele haben Angst vor den Folgen einer Veröffentlichung. Ich mache ganz gerne Bilder von den Fans, wenn sie Party machen. Joris z.B. hat ein wahnsinniges Publikum. Wenn er auf die Bühne kommt, sind alle glücklich, reißen die Arme hoch und wollen fotografiert werden.Es gibt aber auch Leute, die wegschauen, die finden das dann eher doof. Bei RAZZ am vergangenen Samstag war es erstaunlich, wie das Publikum schon mitging. Für eine so junge Band und für Berlin eigentlich untypisch, dass sie schon die Texte kannten und mitgesungen haben. Da habe ich geschaut, dass ich einen Teil des Publikums mit auf den Fotos hatte.

Die ersten Reihen beim Joris Konzert
Markus bei Joris vor der Bühne

BACKSTAGEPASS: Gehst du auch manchmal zu Konzerten ohne zu fotografieren?

Markus: Ja, ich habe auch gekaufte Tickets zuhause. Manchmal ergibt sich dann doch noch die Möglichkeit zu fotografieren, dann gebe ich die Karten wieder ab. Ich gehe gerne privat zu Konzerten, aber manchmal denke ich auch, es wäre jetzt schön, die Kamera dabei zu haben.

BACKSTAGEPASS: Wessen Ausstrahlung und Bühnenpräsenz hat dich am meisten beeindruckt?

Markus: Nick Cave steht über allem. Eine Wahnsinns-Ausstrahlung, die bis in die letzten Reihen reicht. Das muss man erstmal hinbekommen. Marteria fand ich total imposant. Seeed in der Columbiahalle, eine Wahnsinnsenergie! Und noch einmal Olli Schulz und Thees Uhlmann. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Beiden noch mal zusammen auftreten, weil die Kombination genial ist. Einfach aus der Lust heraus etwas Neues entstehen zu lassen, gehen sie ein Risiko ein. Setzen sich auf die Bühne, planen nicht und wissen auch nicht genau was passiert, aber es kommt etwas Tolles dabei heraus. Das sind die ganz besonderen Momente. Und natürlich alle Ungenannten.

BACKSTAGEPASS: Lassen sich manche Künstler besonders gut fotografieren und von anderen bekommt man nie ein ordentliches Bild?

Markus: Man muss manchmal Geduld haben, den Menschen so abzubilden, dass er auch selbst damit glücklich wäre. Keiner möchte gerne ein Bild von sich veröffentlicht sehen, auf dem er unattraktiv aussieht. Ich glaube es ist das Licht. Damit steht und fällt alles. Rot und Blau erzeugt vielleicht eine gewisse Stimmung, ist aber zum Fotografieren die Hölle. Ganz schwer ist es, wenn der Künstler im Dunkeln steht. Da würde ich mir wünschen, dass sie vorher sagen, dass sie nicht fotografiert werden möchten. Ist doch völlig in Ordnung. Dann muss man sich nicht auf den Weg machen. Hier in Berlin kommt es manchmal vor, dass die Lichttechniker es absichtlich dunkel machen. In Paris oder London: schönes, helles Licht. Das kann man sich ja im Internet anschauen. Dann kommen sie nach Berlin: rot, blau und dunkel. Angeblich weil der Künstler es so will. Manchmal wünsche ich mir, die Künstler würden auch hier mehr in Szene gesetzt. Die Zuschauer zahlen viel Geld und sehen nichts. Kein Gesicht, nur Schemen. Ansonsten ist es gleich, wie jemand aussieht, wie er sich kleidet. Jeder hat einen sympathischen Moment.

Es gab in der Columbiahalle mal die Ansage vom Management, man sollte dem Sänger nicht zu nahe kommen, weil er tritt und spuckt.

BACKSTAGEPASS: Hattest du schon einmal das Gefühl, dass jemand sich so in Szene setzt, dass auf jeden Fall ein gutes Foto dabei raus kommt?

 Markus: Ja, Marteria zum Beispiel. Er hat alles geboten. Oder Peter Fox von Seeed, der kann das auch. Es ist meistens bei den richtigen Profis so. Also bei denen, die schon ein paar Jahre Karriere auf dem Buckel haben. Die wissen wie es läuft, bereiten sich vor und bemühen sich. Und das möchte ich sehen. Deswegen gehe ich dahin. Ich will ja meinen Star sehen. Ich will ja sehen, dass er was drauf hat und mich darauf freuen können. Manche setzen sich aber auch einfach auf einen Stuhl und sind sich da selbst genug. So war es bei Fink. Er saß die ganze Zeit im Halbdunkel, ich hatte wahnsinnige Probleme, überhaupt ein Bild von ihm zu bekommen. Ist doch ein attraktiver Mann, warum versteckt er sich?

BACKSTAGEPASS: Was sind denn neben Licht und Schatten die Herausforderungen als Konzertfotograf?

Markus: Gedränge.. Es kommt auf die Musikrichtung an, aber manchmal wird auch mit Bier rumgeworfen. Das ist wegen meiner Ausrüstung ein bisschen heikel. Bisher ist zum Glück noch nichts passiert. Teilweise reagieren sogar die Künstler aggressiv auf Fotografen. Es gab in der Columbiahalle mal die Ansage vom Management, man sollte dem Sänger nicht zu nahe kommen, weil er tritt und spuckt.

BACKSTAGEPASS: Wen würdest du gerne fotografieren, den du noch nicht vor der Linse hattest?

Sich rechts an die Seite zu stellen und zu warten bis die Pose kommt, auf die alle warten, ist mir persönlich zu langweilig.

Markus: Der ist leider gerade gestorben – David Bowie. Den hätte ich wahnsinnig gerne fotografiert. Nick Cave habe ich auch noch nie fotografiert, obwohl ich Fan bin. Vom Schrill-Faktor her Lady Gaga. Die Kostümwechsel und die Show als solche sind spannend. Sie traut sich noch, Posen zu machen, die andere mehr überdacht hätten. Sie hat so einen Chaos-Faktor, der es für mich als Fotograf interessant macht. Wenn ich eine einstudierte Choreographie abfotografiere ist es auch okay, aber nicht so spannend. Man steht im Graben, man hat in der Regel nur drei Lieder Zeit und muß einschätzen, was passieren kann. Sich rechts an die Seite zu stellen und zu warten bis die Pose kommt, auf die alle warten, ist mir persönlich zu langweilig.

BACKSTAGEPASS: Bereitest du dich vor?

Markus: Ja, ich sehe mir Youtube-Videos der aktuellen Tour an. Meistens schaue ich nach den Lichtverhältnissen und wie die Bühne aufgebaut ist, sodass ich am Anfang des Konzerts weiß, wo ich mich am besten hinstelle. Gerade wenn es keinen Graben gibt, interessiere ich mich dafür, wo das Mikrofon des Sängers steht und mit welchem Bandmitglied er am häufigsten interagiert.

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Niklas und Lukas von Razz im Musik & Frieden

BACKSTAGEPASS: Und dann entstehen so tolle Fotos wie das von Niklas und Lukas von Razz!

Markus: Das war ein ‚Lucky Shot’. Es gibt Momente, da hat man wirklich Glück. Natürlich – wenn man die Libertines fotografiert, warten alle darauf, dass Pete und Carl zusammen am Mikrofon stehen und es aussieht als ob sie sich küssen. Das ist das Foto, das alle haben wollen, das man aber auch schon tausend Mal gesehen hat. Manchmal muss man das Glück haben, an der richtigen Stelle zu stehen. Wie bei den Beatsteaks, als der Sänger im Graben in meine Richtung gelaufen ist und ich auf dieser Seite der einzige Fotograf war. Alle anderen standen auf der anderen Seite und ich konnte ein Foto machen, das die Anderen nicht haben. Wenn alle im Rudel zusammen stehen, besteht immer die Gefahr, dass alle Fotos gleich aussehen. Man muss sich überlegen, was man will. Die Nummer Sicher oder das Risiko.

BACKSTAGEPASS: Wenn du die drei Songs fotografierst, sind das 10-12 Minuten. Wie viele Fotos machst du in dieser Zeit?

Markus: 300 – 500. Meine Kamera ist sehr schnell. Das braucht man in der Musik- und auch in der Sportfotografie. Man muss es sich so vorstellen, dass ein Motiv in einem Serienbild durchläuft. Man hat dann 6-7 Bilder von derselben Situation und nimmt das Schärfste. Ich fotografiere also gar nicht so wahnsinnig viele Szenen.

BACKSTAGEPASS: Ist es dir schon mal passiert, dass deine Speicherkarte voll war und du noch ein tolles Foto hättest machen können?

Markus: Ja. Mir ist schon einiges passiert. Mein Akku ist leer gegangen oder ich hatte gar keinen in der Tasche. Ich war auch schon mal zu spät. Das sind Fehler, die einem im Laufe der Karriere unterlaufen. Mir ist auch mal mitten im Konzert die Kamera kaputt gegangen. Solche Dinge passieren. Gott sei Dank nicht so häufig. Befreundete Fotografen haben mir auch mal mit Speicherkarten ausgeholfen, man kennt sich ja mit den Jahren im Graben.

BACKSTAGEPASS: Eher Kollegen als Konkurrenten?

Markus: Beides. Es ist keine einfache Beziehung. Es ist eher wie in einer Fußball-Mannschaft, wo man zusammen trainiert, damit man aufgestellt wird. Man hat Teamgeist, aber gleichzeitig auch den Ehrgeiz, die schönsten Bilder des Abends zu machen. Dieser Anspruch ist auch wichtig. Wenn ich nur Larifari-Bilder mache und denke ‚Was soll’s?’, würde mir das nicht gefallen und auch keinen Spaß machen. Ich habe mir diese Reportage über Marteria auf Youtube angesehen, da sagt er: ‚Wenn ich was mache, dann will ich es richtig machen. Jetzt angle ich, aber ich möchte nicht einfach nur angeln, sondern ich will richtig angeln und ich will auch richtig angeln lernen.’ So sehe ich das für mich auch. Ich will immer noch dazu lernen und mich nicht mit dem zufrieden geben, was ich bis jetzt erreicht habe. Bilder, die ich vor einem Jahr gemacht habe, würde ich jetzt ganz anders machen. Anders bearbeiten, vielleicht auch anders auswählen. So entwickelt man sich und seinen künstlerischen Ausdruck.

BACKSTAGEPASS: Wie sieht deine Nachbearbeitung aus? Hast du einen bestimmten Stil?

Markus: Das ist schwer zu sagen. Eine Zeitlang habe ich die Fotos so bearbeitet wie man Hochzeitsfotos bearbeiten würde: Vintage mit einer bestimmten Farbgebung. Inzwischen bin ich wieder bei einem natürlichen Look angelangt. Agenturbilder sind reiner, meine haben immer noch eine eigene Dynamik. Ich würde schon sagen, dass ich die Freiheit genieße, es so zu machen wie ich gerne möchte. Ich habe keine Vorgaben von einem großen Portal, die mir sagen, die Bilder müssen so oder so sein.

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Arnim von den Beatsteaks im Fotograben

BACKSTAGEPASS: Womit bearbeitest du deine Bilder?

Markus: Meistens mit Lightroom, das ist eine Adobe Software, mit der viele Fotografen arbeiten. Das ist auch nichts Spektakuläres. Photoshop eher nicht, so viele Details brauche ich gar nicht. Ich vermeide Fotos, wie man sie in Hochglanz-Modemagazinen sieht, wo Models eine Haut haben, die völlig künstlich aussieht. Wenn jemand unschöne Hautunreinheiten hat, weil er gerade in der Pubertät ist, dann retuschiere ich auch, das muss man ja nicht sehen. Aber in der Regel finde ich das ganz starke Bearbeiten nicht gut. Es geht um Musik und Musik ist auch authentisch.

BACKSTAGEPASS: Du arbeitest nicht mit großen Agenturen sondern mit den Medien direkt?

Markus: Ja, teilweise auch mit Redaktionen, die mich beauftragen oder an die ich selber herantrete. Es gibt auch Veranstaltungsorte, mit denen ich ein Übereinkommen habe.Das entwickelt sich so über die Zeit. Man lernt sich kennen und dann läuft auch viel über Sympathie. Es geht nicht zwingend nur um die Qualität, sondern auch um den Umgang miteinander.

BACKSTAGEPASS: Vielen Dank für das Gespräch.

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